Ich seh sie, sobald ich im Vorraum steh,
sie mich, an das je weiße Becken gedrückt eine jede, sie sich, jede je
sich und gegenseitig sich ebenfalls, ich seh ebenfalls mich.
Mara Genschel, from: Tage am Rand
Ich seh sie, sobald ich im Vorraum steh plays with mirrors, echoes, and the uneasy feeling that something is almost—but not quite—the same. Inspired by Mara Genschel’s poem die Damen an diesem 6. weißen Rand, the piece begins with a deceptively simple setup: voice and piano move in perfect unison, reduced to just two pitches, d and f, whispered at pp. A musical mirror.
But mirrors are never innocent.
Tiny deviations begin to accumulate. A sudden fff breaks the spell. What was once an interruption becomes an expectation; what sounded “wrong” becomes “normal,” only to be disturbed again. The music continually sets up rules and then quietly sabotages them.
The mirror multiplies: the live voice and piano are reflected once more in the playback, creating an increasingly tangled web of echoes. Past material returns, slightly altered, and begins to behave as if it has a life of its own. Like Narcissus staring into his reflection, the music becomes fascinated by its own image—and gradually loses track of which version is the original.
The result is an unstable space between tonal and atonal, original and copy, self and other, right and wrong.
There is only one “I” speaking. Or at least, that’s what it claims.
Text: Mara Genschel
Ich seh sie, sobald ich im Vorraum steh,
sie mich, an das je weiße Becken gedrückt eine jede, sie sich, jede je
sich und gegenseitig sich ebenfalls, ich seh ebenfalls mich.
Mara Genschel, aus: Tage am Rand
Ich seh sie, sobald ich im Vorraum steh spielt mit Spiegeln, Echos und dem beunruhigenden Gefühl, dass etwas beinahe – aber eben nicht ganz – dasselbe ist. Inspiriert von Mara Genschels Gedicht die Damen an diesem 6. weißen Rand beginnt das Stück mit einer trügerisch einfachen Ausgangssituation: Stimme und Klavier bewegen sich im perfekten Unisono, reduziert auf nur zwei Töne, d und f, gehaucht im pp. Ein musikalischer Spiegel.
Doch Spiegel sind niemals unschuldig.
Winzige Abweichungen beginnen sich anzusammeln. Ein plötzliches fff durchbricht den Bann. Was zunächst eine Störung war, wird zur Erwartung; was „falsch“ klang, wird zur „Norm“, nur um im nächsten Moment erneut gestört zu werden. Die Musik stellt fortwährend Regeln auf – und sabotiert sie zugleich.
Der Spiegel vervielfacht sich: Stimme und Klavier werden durch die Zuspielung ein weiteres Mal gespiegelt und erzeugen ein zunehmend verworrenes Netz aus Echos. Bereits erklungenes Material kehrt leicht verändert zurück und beginnt, sich zu verhalten, als hätte es ein Eigenleben entwickelt. Wie Narziss, der in sein Spiegelbild starrt, wird die Musik von ihrem eigenen Abbild fasziniert – und verliert dabei allmählich den Überblick darüber, welche Version eigentlich das Original ist.
So entsteht ein instabiler Raum zwischen tonal und atonal, Original und Kopie, Selbst und Anderem, richtig und falsch.
Da spricht nur ein einziges „Ich“.
Oder?
Text: Mara Genschel